Der gutartige Lagerungsschwindel

Nach einem Beitrag von K.F Hamann in HNO aktuell 8 Seite 311-316 (2000)

 

Der gutartige Lagerungsschwindel ist eine der häufigsten Schwindelformen überhaupt. Auf Grund neuerer Erkenntnisse ist das Krankheitsbild inzwischen klar definiert. Es handelt sich dabei um sehr kurze Drehschwindelattacken, die immer im Anschluß an Kopfbewegungen auftreten. Ursache sind meist durch Trauma oder Alterung losgelöste Otolithen oder Otolithenteile. Diese führen auf Grund der Kopfbewegung zu einer verstärkten Endolymphströmung und damit zu einer pathologischen Erregung in dem betroffenen Bogengang. Die Behandlung besteht darin, die verirrten Steinchen aus dem befallenen Bogengang durch bestimmte Umlagerungen hinaus zu befördern und sie an einen Ort im Vestibularapparat zu bringen, an dem keine unphysiologischen Erregungen mehr ausgelöst werden können. Typisch sind wiederholte, sehr kurze Drehschwindelattacken nach Kopfbewegungen. Nach heutiger Kenntnis liegt die Störung aber in einem der Bogengänge, verursacht durch abgelöste Otolithen.

Der Name ,,gutartiger Lagerungsschwindel" begründet sich darauf, dass sich einerseits hinter dieser Schwindelform keine bösartige Erkrankung verbirgt, anderseits eine hohe Selbstheilungsrate besteht. Die vollständige Bezeichnung lautet: gutartiger paroxysmaler Lagerungsschwindel, im Englischen: benign positional paroxysmal vertigo = BPPV.

Sehr typisch, ja fast schon kennzeichnend ist die Schilderung der subjektiven Beschwerden durch den Patienten. Es handelt sich um sehr kurze Drehschwindelattacken, die immer durch Kopfbewegungen ausgelöst werden. Diese Angabe erlaubt eine sichere Abgrenzung zu anderen Schwindelformen, die auch in Ruhe, also ohne Kopfbewegungen auftreten können. Ebenfalls ist die Attackendauer in einem Bereich von Sekunden, nie von mehreren Minuten, charakteristisch und läßt sich pathophysiologisch gut erklären. Ein weiteres Charakteristikum ist die Klage, dass sich diese Schwindelattacken wiederholen und durch bestimmte Kopfbewegungen regelmäßig auslösen lassen. Losgelöste Otolithen verstärken die Endolymphströmung. Die eigentliche Ursache besteht also darin, dass Otolithen oder Otolithenteile aus ihrer Verankerung in der Otolithenmembran herausgelöst werden. Dafür kommen Traumen in Frage, die schon immer anamnestisch aufgefallen waren. Auch altersbedingte degenerative Vorgänge an der Otolithenmembran erklären eine Lockerung der Otolithen und damit auch das häufige Auftreten des gutartigen Lagerungsschwindel im Alter. Fraglich ist noch, ob auch Entzündungen zu einer Auflockerung der Otolithen- membran führen können. Da der Vestibularapparat mit allen seinen Teilen ein System von kommunizierenden. Röhren darstellt, wird es leicht verständlich, dass freie Otolithenpartikel in verschiedene Teile des Bogengangssystem gelangen können. Welchen Bogengang die Steinchen erreichen, ist von der jeweiligen Kopfhaltung und von Kopfbewegungen abhängig.

Erst wenn der Bogengang, in dem eine Canalolithiasis vorliegt, eindeutig identifiziert ist, kann man mit einem Befreiungsmanöver gezielt therapieren. Das Prinzip der Behandlung besteht darin, die verirrten Steinchen aus dem befallenen Bogengang durch bestimmte Umlagerungen herauszubefördem und an einen Ort im Vestibularapparat zu bringen, wo keine krankhaften Erregungen mehr ausgelöst werden können. Als Ergebnis der Befreiungsmanöver landen die versprengten Otolithen nahe dem Utriculus.

Weltweit stehen sich zwei ähnliche Befreiungsmanöver gegenüber, das Befreiungsmanöver nach Semont und das Befreiungsmanöver nach Epley , die aber im Vergleich keine eindeutigen Unterschiede in ihren Erfolgen aufweisen. Das von mir bevorzugte Semontsche Befreiungsmanöver ist weniger schonend als das Epley- Befreiungsmanöver, dafür aber einfacher und schneller durchführbar. Man kann bereits die Ausgangssituation der Untersuchung, nämlich den von der befallenen Seite weggedrehten Kopf und die Seitlagerung, als ersten Schritt des Befreiungsmanövers nutzen . Ist also der betroffenen Bogengang identifiziert, dann soll der Patient in dieser Seitlage etwa 5 Minuten liegen bleiben. In diesem Zeitraum ist damit zu rechnen, dass die gelockerten Ohrsteinchen, der Schwerkraft entsprechend, den tiefsten Punkt im betroffenen Bogengang erreichen. Dann werden Kopf und Oberkörper zusammen auf die andere Seite geschleudert (,,der große Wurf‘). Dabei muss beachtet werden, dass der Kopf unbedingt seine Position beibehält, der betroffene Bogengang also weiterhin in der Drehebene liegt. Viele Patienten neigen dazu, den Kopf unwillkürlich nach oben zu drehen. Wird dieser Schritt der Behandlung richtig durchgeführt, zeigt die Nasenspitze nach der Umlagerung nach unten . Nach weiteren 5 Minuten wird dann der Patient langsam aufgerichtet. Hier kommt es meist noch einmal zu einem leichten Schwindelgefühl. Die Erfolgsrate dieser Behandlung liegt bei fast 100%. Bei 70 % aller Patienten ist der Schwindel schon nach der ersten Sitzung verschwunden. Bei den restlichen Patienten muss das Otolithenbefreiungsmanöver wiederholt werden.

In 5 % aller Fälle kann es zu Rezidiven des Schwindels kommen. Da es nicht gelingt, die freien Otolithen in den Bogengängen selektiv mit Medikamenten anzugreifen und zu zerstören, man würde auch die gesunden Otolithen schädigen, ist mit Rezidiven zu rechnen. Sie sind sehr selten, etwa um 5%, lassen sich aber gleichfalls wieder erfolgreich behandeln. Zu beachten ist, dass es sehr selten bei den Befreiungsmanövern zu einer Wanderung der Otolithen von einem Bogengang in den anderen kommt. Berichtet sind Fälle, in denen eine ursprüngliche Canalolithiasis in einem der hinteren vertikalen Bogengängen sich in eine Canalolithiasis des horizontalen Bogenganges umgewandelt hat. Zur Vorbeugung lassen sich Lagerungsübungen nach Brandt und Daroff empfehlen . Diese Ubungen sind nicht so spezifisch für einen bestimmten Bogengang, sie dienen vielmehr dazu, eine Ansammlung von Otolithen in einem Bogengang zu verhindern. Der aufrecht mit geradem Kopf sitzende Patient soll sich für 30 sec. in eine Seitenlage begeben, sich wieder in die sitzende Position aufrichten, dann eine Seitenlage zur Gegenseite vornehmen . Nach mehrmaliger Wiederholung wird auf diese Weise dafür gesorgt, dass noch vorhandene Otolithen und Otolithenteile sich nicht in einem der Bogengänge zusammenballen können. Mit dieser Behandlung lassen sich Rezidive weitgehend vermeiden.

Da diese Behandlung nicht in dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten ist, und auch in absehbarer Zukunft nicht in diesen Katalog aufgenommen werden wird, muss die Therapie dieser Art von Schwindel als sogenannte „individuelle Gesundheitsleistung abgerechnet werden. Dies geschieht nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) Die Kosten für diese Behandlung belaufen sich auf ca.25,56 €. Sie erhalten von mir eine detaillierte Rechnung,