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otoakustische Emissionen
Das Ohr ist nicht nur in
der Lage, akustische Reize zu verarbeiten, sondern auch Schall zu
erzeugen. Diese "otoakustischen Emissionen" (OAE) gehören
zu den Entdeckungen der 90er Jahre, die das Wissen um die Innenohrfunktion
revolutioniert und neue Perspektiven für die Zukunft eröffnet haben. In
den letzten Jahren ist in England von Prof. Kemp eine faszinierende
Entdeckung gemacht worden. Jedes hörende Ohr gibt seinerseits Geräusche
von sich, die mit dem Computer verstärkt und gemessen werden können. Das
bedeutet, dass bei einer Hörprüfung, die Mitarbeit des Patienten nicht
mehr erforderlich ist. Man kann also auch bei Säuglingen schon messen,
inwieweit das Hörvermögen beeinträchtigt ist. Als otoakustische
Emissionen bezeichnet man Schall, der in der Hörschnecke (Cochlea)
aufgrund aktiver Prozesse erzeugt wird und über die
Gehörknöchelchenkette und das Trommelfell in den Gehör abgestrahlt wird
(Kemp et al., 1986). Man unterscheidet verschiedene Arten von
otoakustischen Emissionen, je nachdem, ob sie spontan im Gehörgang
gemessen werden können oder durch bestimmte akustische Reize evoziert
werden müssen. Eine der wichtigsten Eigenschaften der evozierten
otoakustischen Emissionen ist ihre konstante und regelmäßige Ableitung
bei allen normal hörenden Probanden.
Wird eine Schwerhörigkeit
bei Kindern nicht rechtzeitig erkannt und setzt eine entsprechende
Therapie zu spät ein, so hat dies katastrophale Konsequenzen nicht nur
für die Sprachentwicklung, sondern auch für die Entwicklung der
Intelligenz und des sozialen Verhaltens der Betroffenen. Statistisch
gesehen werden schwerhörige Kinder durchschnittlich erst im Alter von 2,3
Jahren als solche erkannt. Dabei sind es meistens die Eltern (in etwa 70%
der Fälle), die als erste den Verdacht haben. Zumindest sollten alle
Risikokinder untersucht werden. Immerhin findet man bei Risikokindern in
mindestens einem von 250 Fällen eine bedeutende Schwerhörigkeit. Unter
Risikokindern für das Vorliegen eines Hörschadens zählt man Kinder, die
einer Familie mit bekannter Schwerhörigkeit angehören,
Schwangerschaftskomplikationen der Mutter vorlagen, Infektionen der Mutter
während der Schwangerschaft auftraten, Frühgeburten, Kinder mit einem
Geburtsgewicht unter 1500 g, Sauerstoffminderversorgung unter der Geburt,
"Gelbsuchtkinder", Krampfkinder, Kinder die an Meningitis
erkrankt sind, Kinder die mit speziellen Antibiotika behandelt wurden und
Kinder mit unterschiedlichen, angeborenen Mißbildungssyndromen. Um solche
Kinder zu untersuchen, braucht man zunächst ein zuverlässiges
Screening-Verfahren, das möglicherweise sogar auf alle Kinder ausgeweitet
werden kann. Dabei sollte ein solches Screening-Verfahren wie die
Ableitung von otoakustischen Emissionen möglichst früh eingesetzt werden
(am besten noch vor der Entlassung von der Neugeborenenstation), damit
alle Kinder erfaßt werden und die Diagnose nicht verschleppt wird. Denn
bei gesicherter Diagnose, jedoch spätestens im Alter von sechs Monaten,
sollte die Therapie (z.B. Hörgeräteversorgung sowie Betreuung von Kind
und Eltern) einsetzen. Als Screening-Verfahren bei Neugeborenen und
Säuglingen ist die Ableitung der OAE auch deshalb besonders geeignet,
weil in diesem Alter die OAE besonders hohe Amplituden besitzen und daher
die Messung einfacher und sicherer ist. Die OAE bei Neugeborenen erfassen
in der Regel bandförmig alle Frequenzen von 1 – 5 kHz. Die Messung kann
ohne Sedierung, unter Ausnutzung des postprandialen Schlafes in den ersten
Tagen nach der Geburt ohne Gefahr für das Kind durchgeführt werden.
Die wichtigste Aussage,
die aus dem Vorliegen der OAE abgeleitet werden kann, ist die, dass der
vor dem Hörnerven gelegene Anteil des Innenohres (und notwendigerweise
auch die zwischen dem Innenohr und Gehörgang zwischengeschalteten
Mittelohrstrukturen) normal funktionieren. Die OAE sind frequenzspezifisch
und erlauben so eine Aussage über relativ umschriebene Anteile der
Hörschnecke. Kein anderer Test untersucht derart spezifisch die
biomechanischen Vorgänge in der Hörschnecke und verbindet Schnelligkeit
der Methode, Objektivität, Empfindlichkeit, fehlende Invasivität und
relative Frequenzselektivität so weitgehend miteinander.
Nur Normalhörige oder
minimal Schwerhörige haben OAE’s. Otoakustische Emissionen
stellen ein offensichtlich physiologisches Begleitphänomen eines völlig
normalen Hörvermögens dar und besitzen keinerlei Krankheitswert.
Aus heutiger Sicht stellt
die Ableitung der evozierten otoakustischen Emissionen ein akzeptables
Screening-Verfahren zur Früherkennung kindlicher Hörstörungen dar. Die
Messung nimmt nur wenige Minuten in Anspruch. Sie ist einfach in der
Durchführung und bietet auch von der Apparatur her die Voraussetzung für
ein kostengünstiges Verfahren, so dass alle Neugeborenen ohne weiteres
erfaßt werden können.

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